Wrzlpfrmpfts Ernte

Susanne und das Mondmännchen

1. Der Mondstrahlensessel
Susanne war ein süßes, kleines Mädchen mit einem großen Problem. Sie war fünf Jahre alt, beinahe sechs, und sie hatte einen großen Bruder: Peter! Peter war acht – und er war das Problem!
Der Peter war immer so gemein zu ihr. Er zog sie an ihren langen, schwarzen Haaren, wann immer er sie erwischte. Susanne hatte wunderschöne Haare, die bis weit über die Schultern reichten, und Mama flocht ihr Zöpfe, oder sie machte ihr Rattenschwänze. Am liebsten mochte Susanne es, wenn Mama ihr die Haare hochwurstelte und feststeckte, denn dann kam der Peter nicht dran.
Beim Frühstück klaute er ihr Mandarinenspalten oder Bananenstückchen, und das wirklich Fiese daran war, dass er es immer so machte, dass Mama es nicht sah! Wenn Susanne sich beschwerte, dann schimpfte Mama mit ihr: „Mach nicht schon wieder Stress, Susi! Du hast dein Obst schon gegessen. Basta!“ Oh, sie konnte ihn wirklich nicht leiden, diesen blöden, großen Bruder!
Eines Abends, er hatte ihr beim Abendbrot wieder die besten Wurst- und Schinkenstücke von der Pizza stibitzt, saß sie ganz traurig in ihrem Zimmer. Nicht mal zum Spielen hatte sie Lust, so ärgerlich und verzweifelt war sie. Mama glaubt immer diesem doofen Peter! Sie hatte ihn ganz bestimmt viel lieber als sie. Je länger sie dasaß, desto verzweifelter wurde sie, aber plötzlich hörte sie ein ganz kleines Stimmlein:
„Spielst du mit mir?“
Zuerst dachte Susanne, sie habe sich verhört und achtete nicht weiter darauf, aber da ertönte das Stimmlein wieder:
„Spielst du mit mir?“
„Nein, ich spiele nicht mit dir!“, fauchte sie. Ob das wieder der blöde Peter war, der ihr einen Streich spielte? Sie sah sich um. Nein, ihr Bruder war nicht in ihrem Zimmer, da war sie ganz sicher, aber es war auch sonst niemand in ihrem Zimmer!
Und schon wieder hörte sie: „Spielst du mit mir?“ Sie schaut in ihren Schrank. Sogar unter dem Bett sah sie nach, aber da war nichts! Also versuchte sie es.
„Wer bist du denn?“, fragte sie vorsichtig.
„Guck doch mal aus deinem Fenster, dann kannst du mich sehen!“, hörte sie.
Sowas kann man sich nicht einbilden, das wusste Susanne, und so stand sie auf und trat ans Fenster.
Es war Abend und es war finster. Sie sah in die Dunkelheit hinaus, und sie sah … nichts!
„Du guckst in die falsche Richtung!“, monierte die Stimme. „Du musst nach oben schauen!“

Susanne sah zum vollen, runden Mond hinauf und erblickte wirklich ein Gesicht, das wie ein Smiley auf sie herabsah. „Bist du der Grinsemann da oben?“, fragte sie lachend. Auf einmal war der ganze Ärger wie weggeblasen.
„Ich bin Wrzlpfrmpft, das Mondmännlein! Spielst du jetzt mit mir?“
Susanne schaut zweifelnd hinauf: „Wie soll denn das gehen? Du bist da oben, und ich bin hier unten. Also ich kenne kein Spiel mit dem das funktioniert!“
Aber das Männlein wusste Rat. „Das ist doch gar kein Problem!“ Er freute sich schon jetzt, über seine geniale Problemlösung. „Schau mal, ich schicke dir meine Mondstrahlen hinunter!“
Und wirklich! Plötzlich kamen von hoch oben wundervoll glänzende Mondstrahlen zu ihr ins Zimmer. Susanne sah verwundert zu, wie sich die Mondstrahlen umtanzten und dann – als ob Mama ihren Zopf flocht – miteinander verschränkten zu einem richtigen Sessel!
„Bitte, nimm doch Platz!“, bat das Männlein, und Susanne setzte sich ganz vorsichtig in diesen Mondstrahlensessel. Ein bisschen bange war ihr schon, schließlich sah dieser „Stuhl“ sehr filigran und durchsichtig aus. Ob er sie wohl halten würde? Aber siehe da! Er war sogar über die Maßen bequem. Wrzlpfrmpft schnippte mit den Fingern und befahl: „Flieg!“, und schon spürte sie, wie sie angehoben wurde.

Wie auf einer Rolltreppe schwebte sie aus dem Fenster hinaus und über ihren Garten, über Bäume und Flüsse, über die Stadt und immer höher hinauf, bis sie auf dem Mond angekommen war.
„Guten Tag!“, begrüßte das Mondmännchen sie höflich. „Ich bin das Mondmännchen! Und wer bist du?“
„Ich bin die Susanne!“, knickste sie. „Weißt du das denn nicht?“
Das Männlein lachte. „Ich kenne dich schon Susanne, aber weißt du, dort unten, da gibt es so viele seltsame Namen, und keiner ist wie meiner! Wie soll ich mir die denn alle merken?“ Er zuckte mit den Schultern. „Da gibt es Julias, Annas, Lauras, Emilias, Leas und Sarahs. Bei den Buben gibt es Jonas’, Lucas’, Levis’, Michaels und Tommys. Sag mir bloß, wie ich die alle in meinem Kopf behalten soll! Aber jetzt, wo du hier bist, da weiß ich, dass du die Susanne bist!“
Das verstand Susanne gut. Das Männlein hatte seine liebe Not mit so vielen Namen – so wie sie auch manchmal.
„Und wie heißt du?“ fragte sie.
„Ich heiße Wrzlpfrmpft!“
„Würstelstrumpf?“, versuchte es Susanne.
„Nein!“, lachte das Männlein. „Wrzlpfrmpft! Aber du kannst Willi zu mir sagen!“
Nun aber sah sich Susanne neugierig um. Willi war ein kleines Kerlchen, ungefähr so, wie sie sich einen Zwerg vorgestellt hätte, und er trug auch eine blaue Zipfelmütze, wie Zwerge das so tun – und er hatte einen silbernen Mantel an. Sowas hatte sie in Walt-Disney-Filmen schon gesehen. Vielleicht träumte sie ja!
„Zwick mich mal!“, bat sie das Mondmännlein, aber der schüttelte nur entsetzt den Kopf.
„Nein, das mache ich nicht! Ich werde dir niemals wehtun! Ich hole eigentlich nur Kinder zu mir, um ihnen zu helfen, und jetzt zeige ich dir mein Reich!“, und dann nahm er sie an der Hand und führte sie herum.
Oh, wie war das schön auf dem Mond. Alles war aus purem Silber und glitzerte und glänzte, dass es nur so eine Pracht war. Das Gras unter ihren Füßen war weich und schimmerte silbrig. Die Bäume und Sträucher waren silbern, und sogar der Fluss funkelte wie reines Silber. Es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn die Mondwelt war eben durch und durch aus Silber. Das wusste schließlich jeder! Das Mondmännchen bot ihr sogar einen silbernen Apfel an, und er schmeckte vorzüglich!
So spielten sie nun friedlich Fangen und Verstecken, und Willi pflückte silberne Blütensterne von den Sträuchern und steckte sie ihr ins lange, schwarze Haar. Das sah wunderschön aus.
„Diese Sterne schenke ich dir!“, sagte das Männlein. „Bewahre sie gut, Susanne, denn sie haben Zauberkräfte!“ Susi wusste zwar nicht, was für Zauberkräfte Haarspangen haben konnten, auch wenn sie aus Silber waren, aber sie freute sich trotzdem sehr, und so spielten sie weiter, bis das Mondmännchen sagte:
„Jetzt muss ich dich aber wieder zurückbringen auf die Erde, denn wenn die Sonne kommt, reicht meine Kraft dazu nicht mehr aus. Nur in den zwei tiefsten Vollmondnächten habe ich die Kraft, dich zu holen, also musst du jetzt gehen, denn ich will nicht, dass du versehentlich auf den Boden plumpst, nur weil die Sonne meine Mondstrahlen unterbricht. Das verstehst du doch?“
Und ob Susanne das verstand. Sie wollte schließlich selber nicht hinunterfallen von ihrem komfortablen Mondstrahlensessel, und so sah sie neugierig zu, wie das Männlein aus seinen Silberstrahlen einen Sessel flocht und setze sich hinein.
„Auf Wiedersehen, mein liebes Mondmännchen! Es war sehr schön bei dir! Darf ich vielleicht mal wieder zu dir kommen?“
Das Mondmännlein nickte eifrig, schnippte mit den Fingern, befahl: „Flieg!“, und schon flog sie wieder zurück – hinunter auf die Erde, und gerade, als sie von den Mondstrahlen abstieg, ging die Zimmertüre auf und ihre Mama kam herein, um sie aufzuwecken.
„Ja Susi, was ist das denn?“, fragte sie verwundert. „Du bist ja schon auf, und vollständig angezogen bist du auch schon! Was ist denn los?“
„Ach Mama!“, lache Susanne. „Ich war nicht mehr müde, und da dachte ich mir, ich könne ebensogut aufstehen!“
„Na gut, dann kannst auch gleich frühstücken kommen!“
Susanne ging in die Küche und freute sich, weil ihr Bruder noch nicht da war. Sie hatte also all ihr Obst für sich alleine. Als er kam, hatte sie es längst verputzt. Peter sah sie grimmig an, und als Mama nicht hinsah, packte er ihr Haar, aber bevor er ziehen konnte, riss er seine Hand zurück. „Aua!“, schrie er schmerzerfüllt.
„Was ist denn nun schon wieder?“, fragte die Mama.
„Susanne hat mich gestochen!“, beschwerte er sich.
„Ach? Womit denn?“, fragte Mama. „Sie hat doch gar nichts zum Stechen!!
Als sie sich umdrehte, griff Peter wieder zu. „AUA!“
„Peter!“, mahnte die Mama, aber er wollte noch nicht nachgeben und grapschte wieder nach Susannes Haar.
„Auauauauauau!“ Jetzt heulte er laut und von einem Finger tropfte Blut. „Susanne hat mich gestochen, als ich sie an …“ Erschrocken hielt er inne. Beinahe hätte er sich selber verraten. Susanne grinste. Resigniert setze er sich auf seinen Platz und begann zu essen.
„Ich packe meine Kindergartentasche, Mama!“, verkündete Susi und lief in ihr Zimmer. Dort setzte sie sich auf das Bett und nahm einen, der silbernen Blütensterne aus ihrem Haar. Er lag ganz still in ihrer Hand, aber Susanne wusste, es hatte etwas mit den Haarspangen zu tun, dass ihr Bruder sie nicht mehr an den Haaren zerren konnte. Auf einmal sah sie, wie sich die Blütenblätter bewegten. Sie streichelten ihre Finger!
Ja, das Mondmännchen hatte recht gehabt. Die Silbersterne hatten wirklich Zauberkräfte!
„Wenn ich das meinen Freundinnen erzähle!“, dachte Susanne. „Das glauben sie mir nie!“
Aber sie freute sich wie verrückt, denn jetzt hatte sie Willi zum Freund, und der würde ihr immer helfen!

© EngelClaire

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